Der große Denkfehler der New Work Bewegung

Updated: Mar 5, 2020

Warum die Strukturen zur Arbeit passen sollten und nicht die Arbeit zur Struktur.

Photo by KIMO on Unsplash

Wir erleben einen gewaltigen Hype rund um die Themen New Work, Agile und Digitalisierung. In diesem Markt rund um diese Blase haben sich besonders erfolgreiche Unternehmen als Thought Leader etabliert. Diese Pioniere positionieren sich gerne als dynamisch, frei, achtsam, unbürokratisch, agil, wirksam, dezentral, kreativ, innovativ, selbstorganisiert u. s. w. (Ihr könnt hier gerne Eure eigenen Lieblingsadjektive einsetzen.)


Der Hype wurde zum Markt


Diese Blase ist inzwischen so groß, dass sie intensiv als Marketinginstrument für Employer-Branding genutzt wird. Also zeigen sich diese Vorbilder natürlich nur von ihrer Schokoladenseite. Dass es am Ende des Tages auch bei ihnen Probleme und Herausforderungen gibt, darüber wird nicht so viel gesprochen. Verkauft sich nicht so gut.


Diese Marketingstrategie weckt bei anderen Unternehmen natürlich Begehrlichkeiten. „Wir wollen auch so dynamisch, frei, unbürokratisch und vor allem erfolgreich sein! “. Auf diese Begehrlichkeiten reagiert der Markt und bietet viele wohlklingende und erfolgversprechende Rezepte und Methoden an.


"Strukturiert euch so und so, und dann werdet ihr auch so super sein, wie eure Vorbilder!“

Scrum, Holacracy, Design Thinking, OKRs, u. v. m. Mit diesen Rezepten lässt sich zurzeit eine Menge Geld verdienen. Sie sind so schön verständlich für den Kunden und daher einfach zu vermarkten. Sie liefern einfach klingende Antworten auf die schwierigen und komplexen Fragen des Arbeitsalltags. Agile-Coaches werden gebucht und Methoden werden eingeführt und eingeübt. Ich sage dazu gerne, die Arbeit wird an die Strukturen angepasst.


Soweit so gut. Lasst mich nun einen kurzen Abstecher in die jüngere Weltgeschichte machen.


Cargo-Kult


Als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf südpazifischen Inseln landeten, bauten sie dort provisorische Stützpunkte auf mit Landebahn für Flugzeuge, Fahrzeugen, Gebäuden und allem, was man so für einen Militärstützpunkt braucht. Um die Truppen mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen, wurden Kisten am Fallschirm per Luftbrücke über den Inseln abgeworfen. Einige der Inseln waren von Eingeborenen bewohnt, die bis dato keinen Kontakt zur restlichen Zivilisation hatten. Die freuten sich natürlich darüber, dass die Götter gekommen waren und plötzlich Geschenke vom Himmel fielen.


Als die Alliierten wieder abzogen und alle Fahrzeuge und Gerätschaften wieder mitnahmen, waren die Eingeborenen natürlich sehr traurig, denn es wurden keine Kisten mehr abgeworfen. Also überlegten sie, wie sie die Götter wieder zurückholen könnten. Der Plan war schnell geschmiedet. „Wenn wir alles so aufbauen wie vorher, dann kommen sie bestimmt zurück.“


Also bauten sie alles wieder mit Ästen und Blättern auf, woran sie sich erinnern konnten. Die Flugzeuge, die Gebäude, die Fahrzeuge. Sie machten wirklich einen guten Job. Sie positionierten sich sogar auf den Landebahnen und imitierten die wellenartigen Landungssignale mit Fackeln. Die Enttäuschung war natürlich groß, denn die Götter kamen nicht zurück und es fielen keine Geschenke mehr vom Himmel. Dieses Phänomen wird auch Cargo-Kult genannt.


Vielleicht denkt Ihr Euch jetzt, „Wie blöd waren die Eingeborenen bitte? Und was hat Cargo Kult mit New Work zu tun? “. Jetzt kommt der Drop.


Der Denkfehler


Viele Menschen in Organisationen betreiben genauso Cargo Kult, und machen denselben Denkfehler wie die Eingeborenen. Viele Organisationen errichten Strukturen, die bei anderen Unternehmen (vermeintlich!) auch zu Erfolg und einer tollen Unternehmenskultur geführt haben, in der Hoffnung, dass sich bei ihnen ebenso Erfolg und Wunschkultur einstellt.


Leider gibt es auch hier viele enttäuschte Gesichter zu sehen. Denn diese Strukturen bringen meistens eben nicht das gewünschte und erhoffte Ergebnis. Jeder, der schon mal Zeuge von einem erfolglosen Transformationsprozess war, weiß wahrscheinlich, wovon ich spreche.


Agile Methoden, Managementsysteme oder andere aktuell sehr populäre Organisationsrezepte werden nicht per se den Erfolg bringen, der auf der Packung versprochen wird. Sie befreien uns nicht davon, jedes Unternehmen und jedes Team ganz individuell zu betrachten und die bestehende Kultur und die vorhandenen Strukturen zu analysieren und maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln.


Dabei können wir uns natürlich dieser Rezepte bedienen, aber eher so, als würden wir Schraubenzieher und Hammer aus der Werkzeugkiste nehmen. Immer mit prüfendem Blick auf das gewünschte Resultat.


Zu dieser Denkweise sage ich "Die Strukturen an die Arbeit anpassen". Denn das, was immer im Vordergrund stehen sollte, ist nicht die Methode, sondern die Arbeit – die Wertschöpfung für eine externe Referenz, also den Kunden – und die Anforderungen, die sich daraus ergeben.


Kurz gesagt, die Strukturen sollten immer an die Arbeit angepasst werden und nicht die Arbeit an die Strukturen.


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